Betrachtungen eines Rentners
Umschlag Betrachtungen eines Rentners

Vor der Tür

 

Herbst am Fluss

 

Langsam fließt der Fluss,

fast bleibt er stehen,

als wolle er verweilen,

genießen den Augenblick.

 

Blätter in bunten Farben

treiben geruhsam dahin,

Herbst ist, goldener Herbst,

Zeit zum Abschiednehmen.

 

Ab und zu fällt ein Blatt,

nimmt nicht den kürzesten Weg,

lässt sich viel Zeit,

trudelt langsam herab.

 

Schließt sich anderen Blättern an,

treibt noch ein Weilchen mit,

bevor es versinkt,

und nur Erinnerung bleibt.

 

Die Sonne meint es gut,

mit sommerlicher Wärme,

keine Wolke am Himmel,

Gedanken an Baden und Eis.

 

Ein Tag wie dieser,

er könnte der letzte sein,

Novembernebel warten,

dann Kälte und Schnee.

 

 

 

Heimat

 

Vertraut das Haus, die Häuser nebenan,

die Straße, die Dörfer, die Stadt,

die Umgebung, das Land, seine Bewohner,

Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart,

Familie, Verwandte, Bekannte,

Teil eines großen Ganzen,

das alles macht Heimat aus.

 

 

 

Von einer Wanderung

 

Das Dorf am Berg

 

Ein Dörflein am Berg,

am Rande eines Hanges,

nur Wege führen zu ihm.

 

Hier steige ich hinauf,

Vögel zwitschern,

heißen mich willkommen.

 

Der Weg ist mein Ziel,

ohne Eile, ohne Hast,

lasse den Alltag zurück.

 

 

 

Das Bäumlein

 

Ein Bäumlein klein,

einsam in einer Wiese,

mit bunten Eiern beladen,

fällt dadurch erst auf.

 

Sie schaukeln im Wind,

es ist wie ein Winken,

soll an Ostern erinnern,

fröhlich stimmen.

 

Wer schmückte das Bäumlein,

Wanderern zur Freude?

Ich werde es nicht erfahren,

kann mich nicht bedanken.

 

 

 

Wieder einmal daheim

 

Maiglöckchen

 

Ein Kind war ich noch,

mit dem Vater wandern,

erstmals nach dem Krieg.

 

Der Vater endlich daheim,

Jahre erst nach dem Krieg,

mir noch wie gestern.

 

Die Mutter im Krieg gestorben,

ihr Herz war zu schwach,

wir Kinder allein, ich das jüngste.

 

Ein Sonntag ist es im Mai,

wir wandern zum Berg,

Maiglöckchen pflügen.

 

Zaghaft breche ich die Blumen,

weiß, dass es verboten,

doch der Vater ist ja dabei.

 

Wir stellen der Mutter das Sträußlein aufs Grab,

bleiben lange noch stehen,

den Rückweg geht sie mit uns.

 

Jetzt gehe ich wieder zum Berg,

im Herbst, der Mai lange vorbei,

dabei die Erinnerungen an einst.

 

Mutters Grab gibt es nicht mehr,

ich weiß aber noch den Platz,

suche ihn auf dem Rückweg auf.

 

Der Vater liegt auf einer Wiese,

weit weg von hier,

auch das ewig schon her.

 

 

 

Wieder ein Abschied

 

Ich war im Städtchen,

aus dem ich einst floh,

fast noch ein Kind,

die Schule kaum hinter mir.

 

Nun um Abschied zu nehmen,

aber in Frieden mit einst.

Das sagte ich schon oft,

doch zog es mich weiter zu ihm.

 

Vieles hat sich verändert,

seit ich es verließ,

bereitete mir Probleme,

ich suchte nur Vergangenheit.

 

Lebe wohl, mein Städtchen.

Dir alles Gute.

Schwer trug ich an dir,

war doch eine Liebe.

 

 

 

Aus dem Münstertal

 

Im Café am Bächle

 

Vor einem Café sitze ich,

trinke ein Viertele Wein,

schaue auf den Markt,

beschaulich geht es zu.

 

Ein Bächlein fließt vorbei,

ganz nah zu meinen Füßen,

ich höre zu, wie es murmelt,

steige dann auf den Berg.

 

Dort von der Burg,

blicke ich ins Städtchen,

suche von dort mein Café,

kehre zurück wieder ein.

 

Jedes Jahr komme ich her,

bin ich beim Sohn,

vergesse nicht das kleine Café,

gemütlich sitzt es sich hier.

 

 

 

Das Schuhchen

 

Ein Schuhchen liegt auf dem Weg,

weit oben kurz vor der Burg,

sein Träger ein kleines Kind,

ist bestimmt nicht herauf gelaufen.

 

Wie kommt das Schuhchen hierher?

Und wo ist das Kind dazu?

Wurde es im Kinderwagen geschoben,

weil der Aufstieg zu schwer?

 

Fiel das Schuhchen heraus,

wurde erst später vermisst,

die Eltern waren schon im Tal,

wollten nicht erneut herauf?

 

Eine Erinnerung kommt auf,

ich finde keine Erklärung dafür,

sie ist mit einem Mal da,

Gedanken gehen eigene Wege.

 

Ich sehe Berge von Schuhen,

Schuhen von Kindern,

ihnen ausgezogen,

bevor man sie schickte ins Gas.

 

Sie waren für deutsche Kinder bestimmt,

damals im letzten Krieg,

es kam nicht dazu,

schneller war die Rote Armee.

 

Die Schuhberge blieben,

zeugen noch heute vom Mord,

vom Mord an unschuldigen Kindern,

erinnern weiter an das Verbrechen.

 

Erschrocken bin ich,

mache Urlaub im Frieden,

der Krieg längst vergessen,

da ist diese Erinnerung da.

 

Hier vor einem Ausflugsziel,

besucht von frohen Menschen,

in Erwartung der Burg,

und viele Kinder dabei.

 

Es gibt eine Ballade

„Die Kinderschuhe aus Lublin“,

Joh. R. Becher hat sie geschrieben,

vor Jahrzehnten las ich sie schon.

 

Ein Zug von Kinderschuhen,

ein endloser Zug auf der Straße,

auf dem Weg zum Gericht,

anzuklagen die Mörder.

 

Zu Hause suche ich die Ballade,

lese sie noch einmal,

bin erschüttert wie beim ersten Lesen.

Was ein verlorener Schuh doch vermag!

 

Dem Kind, das sein Schuhchen verlor,

auf einem Ausflug mit den Eltern,

wünsche ich ein glückliches Leben.

Soll es von der Ballade erfahren?

 

 

 

Fremde bei uns

 

Mir ist angst

 

In großen Städten, sagt man,

bestimmen Fremde die Straßen,

hört man kaum noch Deutsch.

 

Nun kommen sie zu uns,

in meine kleine Stadt,

das macht mir Angst.

 

Mit der Ruhe ist es vorbei,

abends bleibe ich zu Hause,

gehe nicht auf die Straße.

 

Ich habe Angst vor ihnen,

die meisten sind jung

und ich bin alt.

 

Was wird mit uns?

Sollen wir wegziehen,

aus vertrauter Umgebung?

 

Doch wohin?

Und anpassen?

Dafür bin ich zu alt.

 

Wir paar Alten blieben,

waren unter uns,

vorbei mit der Ruhe.

 

Dann kamen die Fremden,

wie eine Sturmflut war es,

vorbei nun der Krieg.

 

Trubel herrscht,

keine Wohnung steht mehr leer,

fremde Sprachen umschwirren uns.

 

Fremde betreiben eigene Läden,

leere Geschäfte gab es genug,

nur wenige stehen noch leer.

 

Andrang herrscht überall,

man kauft nicht nur ein.

Gaststätten kamen hinzu.

 

Alles ist voller Leben,

bis hinein in die Nacht,

eine fremde Welt zog ein.

 

 

 

Zeit ist vergangen

 

Ruhig ist wieder meine Straße,

Lärm und Krawall sind vorbei.

Doch lebhafter ist sie geblieben,

war vorher fast menschenleer.

 

An den Anblick der Fremden

habe ich mich gewöhnt.

Sie gehören zum Straßenbild,

ich weiche ihnen nicht mehr aus.

 

Ihre neuen Geschäfte florieren,

viele kaufen dort ein,

mir unbekannte Waren,

auch Leute von uns sah ich schon.

 

Ich fürchte die Fremden nicht mehr,

habe weniger Bedenken,

Kontakte jedoch keine,

will sie auch nicht.

 

Doch kann sich das ändern,

die Geschäftsleute kennen mich,

komme ich ja täglich vorbei,

manche grüßen mich schon.

 

 

 

Aus dem Alter

 

Das Alter

 

Das Alter macht weise,

sagt man so.

Das Alter macht kindisch,

sagt man auch.

 

Ich bin alt,

jedoch nicht weise,

weiger mich aber,

kindisch zu sein.

 

Vielleicht werde ich es mal,

doch soweit ist es noch nicht.

Lasst uns doch sein,

so wie wir sind.

 

 

 

Geborgen im Alter

 

Geborgen im Alter,

vor allem zufrieden,

mit sich und der Welt,

wie sieht das aus?

 

Wohnen in vertrauter Umgebung,

in altersgerechten Räumen,

in einem Seniorenheim,

wohnen bei den Kindern?

 

Wie ist es, fehlt der Partner

und bist du arm?

Und wie steht es mit der Gesundheit,

mit dem Körper und dem Geist?

 

Geborgen im Alter,

vor allem zufrieden,

mit sich und der Welt,

wie sieht das aus?

Und was ist mit der Welt,

gehört die noch dazu,

brauchst du die noch zum Geborgensein?

 

172 Seiten, 13,90 €

ISBN-13: 978-3-95631-637-1

 

Leseprobe

 

Betrachtungen eines Rentners

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