Gestern und heute

 

Leseprobe

 

Gestern und heute

Das erste Mal im Westen

 

Was keiner für möglich gehalten hatte, war mit einem Mal Wirklichkeit: Die Grenzen waren offen. Ich hatte mir immer wieder den Kopf darüber zerbrochen, wie das einmal möglich sein könnte. Wie ich auch grübelte, ich fand keine Lösung. In meinem Kopf existierten die sich unversöhnlich gegenüberstehenden feindlichen Weltsysteme: Hier der Sozialismus, dort der Kapitalismus. Da war kein Platz für Lösungen. Und dann kam alles über Nacht. Es war ganz einfach. Wochenlang zogen Bürger nach ihrer Arbeit auf die Straße, erst wenige, dann immer mehr, schließlich Hunderttausende, erst schweigend, dann fordernd. Sie hakten sich unter und verbreiteten Fröhlichkeit, begriffen sich plötzlich als eine Macht und als das Volk. Sie riefen: Wir sind das Volk. Sie waren da und setzten sich durch. Dagegen halfen keine Waffen. Und Argumente schon lange nicht mehr. Das Leben setzte sich über alle Hindernisse hinweg, weil sie nicht mehr der Realität entsprachen. Der real existierende Sozialismus brach zusammen.

 

Ich gehörte nicht zu denen, die auf die Straße gingen, obwohl die Demonstranten auch in meiner Stadt an mir vorüberzogen und riefen: Reih dich ein! Ich reihte mich nicht ein. Ich glaubte, man brauche das Land nur reformieren, im Grunde sei es gut. Ein Irrtum. Die Erkenntnis war schmerzlich, aber vollständig. Ich gehörte zu den Menschen, die noch nie im Westen waren. Als ich das erste Mal in den Westen fuhr, unmittelbar nach der Wende, lebte die DDR noch. Sie befand sich jedoch in unaufhaltsamer, rasanter Veränderung und löste sich schließlich nach kurzer Zeit auf. Zwar hatte ich im Westen Verwandte, doch hätte ich noch viele Jahre bis zur Erreichung des Rentenalters gebraucht, um in den Westen fahren zu dürfen, erst dann wäre das bei bestimmten Voraussetzungen möglich gewesen. Und einen Vorruhestand wie heute gab es nicht. Auch da hätte ich noch Jahre warten müssen. Ich glaube, auch der hätte mir nicht die Berechtigung für eine Reise nach dem Westen gegeben. Doch was sollen diese nachträglichen nutzlosen Überlegungen. Vorbei.

 

Jetzt besaß ich einen Reisepass. Ich hatte lange dafür anstehen müssen. Wie ich konnten es auch viele andere nicht erwarten, dieses Dokument zu erhalten, mit dem man legal in den Westen kam. Ich hatte mir gleich den mit der längsten Gültigkeitsdauer gekauft. Es gab einen Reisepass mit einer Gültigkeitsdauer von fünf Jahren und einen mit einer für zehn Jahre. Meine Überlegung war: Du stellst dich nicht noch einmal an. Was du hast, das hast du. Mir fiel dabei gar nicht auf, in welchen Zeiträumen ich da dachte und wie weit meine Überlegungen von der Realität entfernt waren. Nach einigen Monaten - oder waren es gar nur Wochen? - brauchte ich das Ding nicht mehr. Und Schlangen gab es nur noch selten.

 

Nun saß ich im Zug nach dem Westen. Zu meiner Cousine und ihrer Familie.

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