Mein Städtchen in den Bergen

Bleibe

 

Vom Berge schau ich nieder

auf meine kleine Stadt,

die ich so viele Jahre

nicht mehr gesehen hab.

 

Die Häuser in den Gassen,

die ducken sich wie einst.

Du hast uns früh verlassen,

es wird Zeit, dass du erscheinst.

 

Wir haben dich erwartet.

Du warst doch hier zu Haus.

Bleib in unserem Tale,

geh nicht wieder raus.

 

 

 

Bewahrte Bilder

 

Aus dem Fenster eines Häuschens

schaut ein kleiner Junge heraus.

 

Bauern pflügen ihre Handtuchfelder,

stapfen hinter einem Ochsen her,

werfen aus einer Schüssel die Saat,

mähen mit einer Sense das Korn,

stellen es zu Puppen auf,

fahren es auf Leiterwagen vom Feld.

Kühe grasen mit blechernem Geläut,

silbern funkelt Tau auf den Gräsern,

Nebelschleier kriechen über den Boden,

Krähenschwärme künden den Winter an,

Schnee verhüllt Äcker und Wiesen,

über allem wölbt sich der Himmel.

 

Das Geschaute behält er für immer.

Wie die Sehnsucht nach einem behütetem Heim.

 

 

 

Dahin vorbei

 

Gehe ich durch Gassen und Straßen,

an Häusern vorbei,

in denen ich lebte als Kind,

im Städtlein in den Bergen,

lange schon ist es her,

suche ich vergebens die Bewohner von einst.

Der fleißige Bäcker.

Der lustige Lehrling.

Der grimmige Hauswirt.

Die alte Frau im Nachbarhaus.

Die nette Familie nebenan.

Die hübsche Verkäuferin.

Der verständnisvolle Lehrer.

Die vielen Spielgefährten.

Ich sehe sie nicht mehr.

Sie sind verschwunden

und kommen nicht mehr.

Wehmut zieht in mich ein.

Ein Zauber liegt über der Vergangenheit

Dahin, vorbei.

Ein Zauber bleibt.

 

 

 

Hinterhof

 

Der winzige, gepflasterte Hinterhof

mit dem kümmernden Kirschbäumchen

an der hohen Bretterwand,

das nie Kirschen trug,

es ging vorher ein,

und den hohen Wänden ringsum,

darüber das Blechdach,

das sogar den Himmel verbarg,

das war die Welt,

in der er spielte,

die ihm genügte

und durch ihre Wände Schutz gewährte.

Es gab niemanden,

der ihn an der Hand nahm,

herausführte aus der Enge.

Und dennoch bestand er im Leben.

Den winzigen Hinterhof vergaß er nie.

 

 

 

Häuser drängen sich

 

Häuser drängen sich, finden kaum Platz.

Schmuck sehen sie aus, investiert wurde viel.

Wer darin wohnt, möchte bleiben,

wo schon Generationen sich mühten.

Doch mancher zieht weg, schweren Herzens.

Urlauber kommen kaum, die Karibik lockt mehr.

Wovon leben, da Alternativen fehlen?

 

 

 

Die Berge verschwinden

 

Die Berge verschwinden,

es regnet sich ein.

Die Tropfen zu fein,

Pfützen zu bilden.

 

Nebel breitet sich aus,

verhüllt auch die Stadt.

Die Leute bleiben daheim,

Ruhe tritt ein.

 

Vereinzelt Geräusche,

fast schüchtern,

als schämten sie sich,

die Ruhe zu stören.

 

 

 

Tage gibt es

 

Tage gibt es in den Bergen,

da alles schweigt,

nichts sich bewegt.

 

Kein Vogel ruft,

kein Blättlein sich regt,

auch kein Halm.

 

Du lauschst,

hörst nur Stille,

sie nimmt dich auf.

 

Das Draußen verschwindet.

Dein Erwachen gleicht einer Geburt.

Du bist seltsam beglückt.

 

 

 

Waldwiese am Morgen

 

Der Morgen naht,

noch schläft die Wiese,

fühlt sich geborgen,

umarmt vom Wald.

 

Nebelschleier ziehen,

Tau funkelt im Gras.

Sind es Elfen.

Sind es Perlen?

 

Dann steigt die Sonne auf,

entzaubert die Wiese.

Sie beginnt ihren Tag.

Vögel melden sich leise.

 

 

 

Ich suchte mein Kindheit auf

 

Ich suchte meine Kindheit auf,

begab mich an ihre Orte,

fand sie fast unversehrt.

Die Erinnerung tat ein Übriges,

dass sie lebendig wurde,

lebendiger als mir lieb.

 

Ich fand wenig Schönes,

litt Mangel an allem,

nie war sie behütet.

Mit fehlte Geborgenheit,

jemand der zuhörte,

was mich bewegte.

 

Ich hatte mir die Kindheit geschönt.

Wer lässt sie sich schon zerstören,

wo doch alle von ihr schwärmen?

Weißt du noch, ach wie schön das war!

Ich schäme mich nicht mehr,

bekenne, meine Kindheit war nicht schön.

 

Ich verlasse die Orte,

komme nicht wieder,

lasse die Kindheit endgültig ruhen.

Schwer war die Zeit nach dem Krieg.

Ein Wunder, dass ich nicht zerbrach.

Wo nimmt ein Kind die Kraft her?

Doch eine Last drückt bis heute.

 

144 Seiten, 12,90 €

ISBN-13: 978-3-95631-508-4

 

Leseprobe

 

Mein Städtchen

in den Bergen

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