Meine Kindheit im Städtchen

 

Leseprobe

 

Meine Kindheit

im Städtchen

Rosenau 12 - Über meine Großeltern

 

...

Unaufhörlich klappern die Schiefer, die Dach und Wände des kleinen Hauses bedecken. Wenn der Wind anhält, geht das tagelang so. In der Rosenau liegt es, am Rande des Städtchens, nah an den bewaldeten Bergen, von ihnen nur durch eine weite ansteigende Wiese getrennt. Es klappert unaufhörlich, selbst bei wenig Wind. Und Wind gibt es fast immer. Zum Ärger des Großvaters. Er wird nicht müde, darüber zu lamentieren. Das Haus ist das letzte einer kleinen Siedlung und den Winden aus allen Himmelsrichtungen ungeschützt ausgesetzt. Nacht ist es. Ich liege im Bett, im Schlafzimmer der Großeltern, und lausche dem Klappern der Schiefer. Es ist von beängstigender Lautstärke. Ich kuschele mich tief in die Bettdecke und fühle mich geborgen. Tags stehe ich am Küchenfenster auf Großmutters Fußbank und schaue im kleinen Hof auf Schafe und Ziegen, auf emsig pickende Hühner. Sie gehören Liebetraus, die über den Großeltern wohnen. Großvater sägt oder hackt Holz und stapelt es im Holzschuppen. Im kleinen Garten schafft Großmutter. Es ist die Zeit nach Kriegsende. Ich wohne bei den Großeltern. Die Mutter ist gestorben; der Vater vermisst, er meldet sich aber bald aus jugoslawischer Gefangenschaft. 1949 kehrt er zurück. Da ziehe ich wieder ins verlassene Elternhaus. Die Besuche im Haus in der Rosenau werden seltener. 1952 stirbt Großmutter. Großvater zieht näher in die Stadt. Er lebt noch viele Jahre.

Das Haus in der Rosenau bleibt für mich das Haus der Großeltern. Das Klappern der Schiefern ist bis heute das erste, was an Erinnerung auftaucht, denke ich an das kleine Haus. Es ist für mich vertraute Musik und hat jede Beklemmung von damals verloren. Trotz der kurzen Zeit, die ich dort verbrachte, bleiben das Haus und die Tiere, die Wiese und die Berge unauslöschlich in mir. Wie auch die Räume, die Möbel und Gegenstände, selbst die Gerüche und Geräusche, nicht nur das Klappern der Schiefer, aber das besonders. Und es bleiben die Großeltern. Eine vergangene Welt, ärmlich und hart, für mich aber scheinbar sorglos und heil.

...

© GerdMeyerBuch 2018. Alle Rechte vorbehalten. Datenschutzerklärung Impressum