Unter uns

 

Leseprobe

 

Unter uns

Zwei Bier

 

Kurz vor halb vier ist es, die kleine Gaststätte inmitten der Gartenanlage am Rande der Stadt hat noch geschlossen. Über Mittag und die Zeit unmittelbar danach immer. Speisen werden nicht angeboten, wenn man von Bockwurst, Schnitzel aus der Mikrowelle und belegten Brötchen absieht. Aber auch das wird selten verlangt. Die Gäste, fast ausschließlich Stammgäste aus der benachbarten großen Plattenbausiedlung, die hier ihren Garten haben, essen zu Hause. Aber Erwin sitzt bereits draußen auf einer der überdachten Holzbänke, wo in der warmen Jahreszeit bei schönem Wetter ebenfalls bedient wird. Heute ist so ein Tag, richtig heiß ist es. Er hat sich einen schattigen Platz unter der Überdachung ausgesucht, wo ihn die Sonne nicht erreicht, und verschnauft dort ein bisschen. Er kommt von einem anderen Gartenlokal am anderen Ende der Stadt, wo er zu Mittag gegessen hat. Ein- oder zweimal macht er das in der Woche. Es ist besser als zu Hause das Essen aus der Büchse. Er geht gern in das ziemlich weit entfernte Lokal. Da hat er ein Ziel und Zeit vergeht. Zeit hat er genug. Noch immer liebt er weite Wege, wo er doch vor kurzem sogar noch regelmäßig lange Strecken gerannt ist, nicht nur so zum Spaß ein bisschen, weil es gesundheitsfördernd ist und Übergewicht vorbeugt, sondern wettkampfmäßig mit gezieltem Training. Das war mehr als das, was man gemeinhin Joggen nennt. Und das in seinem Alter. Diese Zeit ist vorbei. Aber die Freude an der Bewegung ist geblieben. Daneben fährt er noch Rad, wenn auch hier die Touren kürzer geworden sind und meist nur noch zum Friedhof führen. Das aber fast täglich, nur nicht, wenn es regnet. Früher erledigte er auch viele Einkäufe per Rad. Seit kurzem hat er Rückenprobleme. Das Aufsteigen bereitet ihm Schwierigkeiten. Er behält es für sich, will für die Anderen der Läufer bleiben und gesund und fit. „Guck dir den Erwin an“, sollen sie weiter sagen, „fit wie ein Turnschuh“. Er prahlt ein wenig mit seiner Gesundheit. Auf seinem Weg zwischen den Feldern außerhalb der Stadt hat es keinen Schatten gegeben. Unter der prallen Sonne ist er zügig gegangen. Das kann er sich nicht abgewöhnen, ist für ihn doch ein wenig Ersatz für den aufgegebenen Laufsport. Nun ist er erhitzt. Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn. Er wischt sie mit einem großen Taschentuch ab. Auch das Hemd ist unter den Achseln nass. So sollte man eigentlich nicht in eine Gaststätte gehen. Zum Umziehen zu Hause hat er es nicht weit. Nur eine paar Schritte sind es, und Zeit ist ja auch noch. Aber er empfindet das nicht so. Wozu benutzt er Körperspray, und das reichlich. Es bleibt ein unentschiedener Kampf zwischen Schweiß und Spray. Jetzt wartet er darauf, eingelassen zu werden, lechzt nach einem kalten Bier. Meist ist er der Erste, der Einlass begehrt.

Er muss nicht lange warten. Pünktlich halb vier zieht Vroni, die junge Wirtin, die laut ratternden Rollos an den Fenstern und an der Tür hoch. Der Lärm unterbricht für kurze Zeit die Stille der Gartenanlage. Jeder in den Gärten weiß: Jetzt öffnet Vroni.

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